Island gilt als Land der extremen Kontraste: Geysire, Gletscher, Vulkane und eine der höchsten Pro-Kopf-Nutzungsraten erneuerbarer Energien weltweit. Rund 85 Prozent des isländischen Energiebedarfs werden durch Geothermie und Wasserkraft gedeckt. Wer das Land bereist, trifft also auf eine Infrastruktur, die im europäischen Vergleich außergewöhnlich sauber aufgestellt ist. Dennoch entscheidet die Anreise und die Mobilität vor Ort maßgeblich darüber, wie klimafreundlich ein Islandurlaub wirklich ist.
Die Anreise: Wo der größte CO₂-Block entsteht
Ein Direktflug von Frankfurt nach Reykjavík erzeugt pro Person ungefähr 600 bis 700 Kilogramm CO₂-Äquivalente (inklusive Kerosin-Höhenwirkung). Das ist die unbequeme Wahrheit: Wer nach Island fliegt, hat den größten Teil seines Reise-Fußabdrucks bereits beim Einchecken hinter sich. Es gibt jedoch Stellschrauben.
Erstens: Direktflüge sind effizienter als Verbindungen mit Zwischenstopp, weil Start und Landung besonders viel Treibstoff verbrauchen. Wer von Deutschland aus fliegt, sollte Direktverbindungen über Frankfurt, München oder Berlin bevorzugen. Zweitens: Wer die Überfahrt mit der Smyril Line von Hirtshals (Dänemark) über die Färöer nach Seyðisfjörður wählt, spart zwar keine Zeit, aber je nach Auslastung des Schiffes kann die Pro-Kopf-Emissionsbelastung geringer ausfallen als beim Fliegen. Die Fährreise dauert etwa drei Tage und eignet sich besonders für Reisende, die ein Fahrzeug mitnehmen möchten.
Routen clever planen: Weniger Kilometer, mehr Erlebnis
Viele Reisende fahren den klassischen Ring Road, die Ringstraße 1, im Uhrzeigersinn in sieben bis zehn Tagen. Das klingt effizient, führt aber oft dazu, dass täglich 300 bis 400 Kilometer zurückgelegt werden, mit dem Auto. Wer hingegen eine Region tiefer erkundet, spart Sprit und sieht mehr. Nordisland rund um den Eyjafjörður-Fjord bietet Gletscher, Walbeobachtung, Geothermalbäder und eine der ältesten Stadtstrukturen des Landes, ohne dass man täglich die Hälfte der Insel durchqueren müsste.
Akureyri, die größte Stadt Nordislands mit rund 20.000 Einwohnern, eignet sich als effizienter Basispunkt für eine solche Strategie besonders gut. Von dort lassen sich Dettifoss, Mývatn und Siglufjörður als Tagestouren ohne Übernachtungswechsel erreichen. Das reduziert den Gepäcktransport, vermeidet tägliche An- und Abreisen und macht die Unterkunftslogistik deutlich einfacher.
Mobilität vor Ort: Elektroauto, Bus oder Fahrrad?
Das Mietwagennetz auf Island ist dicht, und seit 2020 hat sich das Angebot an Elektrofahrzeugen erheblich verbessert. In Akureyri und Reykjavík gibt es öffentliche Ladestationen, die meist kostenlos oder günstig nutzbar sind. Wer ein Elektro-SUV mietet, zahlt aktuell rund 80 bis 120 Euro pro Tag, erzeugt aber lokal keine Direktemissionen, da der isländische Strom zu fast 100 Prozent erneuerbar ist. Der einzige Haken: Außerhalb der Hauptstrecken ist das Ladenetz noch lückenhaft, weshalb eine sorgfältige Routenplanung zwischen Ladepunkten notwendig ist.
Der öffentliche Fernbus (Strætó) verbindet Reykjavík und Akureyri täglich. Die Fahrt dauert etwa fünf Stunden und kostet rund 50 Euro pro Strecke. Für Reisende ohne eigenes Fahrzeug und mit festen Destinationen ist das die emissionsärmste Option. In Akureyri selbst ist die Innenstadt zu Fuß gut erreichbar. Das lokale Stadtbussystem ist für Einwohner kostenlos und für Touristen gegen geringes Entgelt nutzbar.
Fahrrad: nur bedingt geeignet
Radreisen sind auf Island möglich, aber anspruchsvoll. Wind, Schotterpisten und große Distanzen zwischen Siedlungen machen das Rad zur Nischenlösung für erfahrene Bikepacker. Als Ergänzung innerhalb von Akureyri oder für kurze Ausflüge in die nähere Umgebung funktioniert das Rad hingegen gut. Einige Unterkünfte bieten Leihräder an.
Unterkunft und Energieverbrauch vor Ort
Die meisten isländischen Hotels und Gästehäuser werden mit Geothermalwärme beheizt. Das klingt zunächst nach einer Selbstverständlichkeit, hat aber konkrete Auswirkungen: Der Energieverbrauch für Heizung schlägt beim CO₂-Fußabdruck nahezu nicht zu Buche. Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen Unterkünften.
- Gästehäuser und Hostels haben in der Regel einen geringeren Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch als große Hotelkomplexe.
- Ferienwohnungen mit Küche erlauben es, selbst zu kochen und damit den Verbrauch von Einwegverpackungen und Transportleistungen für Fertiggerichte zu reduzieren.
- Campingplätze sind auf Island weit verbreitet und günstig, setzen aber robuste Ausrüstung voraus und sind von Juni bis August sinnvoll nutzbar.
Ein gezielter Blick auf Zertifizierungen lohnt sich: Das isländische Umweltlabel „Svanurinn“ (der Nordische Schwan) wird auch an Unterkünfte vergeben und signalisiert geprüfte Nachhaltigkeitsstandards im Betrieb.
Praktische Zahlen für die Planung
| Verkehrsmittel | CO₂ pro 100 km (ca.) | Kosten pro Strecke (ca.) |
|---|---|---|
| Benzin-Mietwagen (Mittelklasse) | 18 kg CO₂ | 15 bis 20 Euro (Sprit) |
| Elektro-Mietwagen (isländ. Strom) | unter 1 kg CO₂ | 3 bis 5 Euro (Laden) |
| Fernbus Reykjavík–Akureyri | 4 bis 6 kg CO₂ (je Auslastung) | ca. 50 Euro |
Fazit: Planung ist die entscheidende Variable
Energieeffizientes Reisen nach Island bedeutet nicht, auf Erlebnisse zu verzichten. Es bedeutet, Entscheidungen früh und bewusst zu treffen. Direktflug statt Umstieg, Elektromobilität vor Ort, ein fester Basispunkt statt täglicher Ortswechsel und eine Unterkunft mit Umweltzertifizierung: Wer diese vier Hebel zusammen zieht, kann seinen Reise-Fußabdruck gegenüber einer klassisch geplanten Islandreise um schätzungsweise 30 bis 40 Prozent senken, ohne die Reisedauer oder die besuchten Ziele wesentlich einzuschränken. Der Aufwand liegt vor allem in der Vorbereitung, nicht im Reisen selbst.













