Eine Insel mit rund 11.000 Einwohnern, abgeschnitten vom kontinentalen Stromnetz, mitten im Atlantik: El Hierro hat sich einem Problem gestellt, das viele Kommunen weltweit vor sich herschieben. Statt weiter auf Dieselgeneratoren zu setzen, baute die kleinste der Kanarischen Inseln ab 2014 ein hybrides Wind-Pumpspeicher-System auf, das in Spitzenzeiten mehr als 100 Prozent des Eigenbedarfs aus erneuerbaren Quellen deckt. Für Deutschland, das über Energieimporte, Netzstabilität und kommunale Klimaziele diskutiert, liefert dieses Projekt mehr als nur Symbolwert.
Das Modell hinter dem Mythos
Das Herzstück der Energieversorgung auf El Hierro ist die Kombination aus einem Windpark mit 11,5 Megawatt installierter Leistung und einem Pumpspeicherwerk, das überschüssigen Windstrom in potenzielle Energie umwandelt. Weht der Wind stark, pumpen vier Pumpen Wasser aus einem tiefer gelegenen Becken in ein Reservoir auf 700 Metern Höhe. Lässt der Wind nach, fließt das Wasser durch Turbinen zurück und erzeugt Strom. Ergänzt wird das System durch eine Kleinwasserkraftanlage sowie eine Photovoltaikanlage.
Im Jahr 2022 stammten laut offizieller Statistik der Inselregierung rund 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen, in Einzelmonaten deutlich mehr. Die Lücken schließen Dieselaggregate, die aber im Vergleich zur Situation vor 2014 massiv seltener laufen. Der CO2-Ausstoß für die Stromerzeugung sank in diesem Zeitraum um mehrere Tausend Tonnen pro Jahr.
Warum Inseln keine Ausnahme sind, sondern Vorbilder
Das häufigste Gegenargument lautet: Eine Insel ist kein Maßstab. Tatsächlich vereinfacht die räumliche Abgeschlossenheit bestimmte Planungsschritte. Wer keine Leitungsverbindung zum Festland hat, ist gezwungen, Erzeugung und Speicherung lokal aufeinander abzustimmen. Genau das aber fehlt in Deutschland häufig: die systemische Betrachtung von Erzeugung, Speicherung und Verbrauch auf lokaler Ebene.
Viele deutsche Kommunen besitzen Stadtwerke, Windrechte oder Dachflächen, die sie isoliert entwickeln, ohne die Wechselwirkungen zu nutzen. El Hierro zeigt, was entsteht, wenn alle drei Komponenten gemeinsam geplant werden. Das ist keine Frage der Inselgeographie, sondern der Planungsphilosophie.
Konkrete Übertragungsmöglichkeiten für Kommunen
Der Kern des Modells lässt sich in drei Bausteine zerlegen, die auch für deutsche Verhältnisse relevant sind:
- Lokale Sektorkopplung: Strom aus Wind oder Photovoltaik wird nicht nur ins Netz eingespeist, sondern gezielt für Wärmepumpen, Elektrolyse oder Mobilität verwendet. Kommunen wie Wildpoldsried in Bayern oder Feldheim in Brandenburg zeigen, dass das auch ohne Atlantikküste funktioniert.
- Dezentrale Speicher: Batteriespeicher auf Haushaltsebene und Pumpspeicher auf kommunaler Ebene sind keine alternativen Konzepte, sondern ergänzende Schichten. Eine Gemeinde mit 3.000 Haushalten und je 10 kWh Batteriekapazität verfügt über 30 MWh dezentralen Puffer.
- Kommunale Steuerung: Auf El Hierro koordiniert eine kommunal kontrollierte Gesellschaft Erzeugung, Speicherung und Verbrauch. In Deutschland gibt es mit Stadtwerken und Energiegenossenschaften vergleichbare Strukturen, die diesen Part übernehmen könnten.
Das Wissen über die technischen und organisatorischen Grundlagen solcher Inselmodelle ist öffentlich dokumentiert. Wer sich einen strukturierten Überblick verschaffen will: El Hierro als Referenzprojekt ist in verschiedenen Sprachen umfassend dokumentiert und bietet eine gute Grundlage für eigene Recherchen und kommunale Konzeptarbeiten.
Was Haushalte direkt ableiten können
Für Privathaushalte ist der Transfer zunächst weniger intuitiv. Aber die Grundlogik gilt auch im Kleinen: Wer eine Photovoltaikanlage betreibt, ohne einen Speicher zu nutzen, gibt seinen Überschuss zu niedrigen Einspeisevergütungen ab und kauft abends Strom zu Marktpreisen ein. Der typische Haushalt mit 10 kWp Anlage und ohne Speicher verbraucht laut Fraunhofer ISE selbst nur etwa 25 bis 30 Prozent des erzeugten Stroms. Ein Speicher von 8 bis 10 kWh erhöht diesen Eigenverbrauchsanteil auf 60 bis 75 Prozent.
Wer zusätzlich eine steuerbare Wärmepumpe oder ein Elektrofahrzeug integriert, nähert sich dem Prinzip der Sektorkopplung an, das El Hierro im kommunalen Maßstab umsetzt. Die technischen Mittel sind am Markt verfügbar, die Wirtschaftlichkeit hängt von Einspeisevergütung, Strompreis und Anlagenkosten ab und rechnet sich bei den aktuellen Preisen für viele Haushalte innerhalb von 10 bis 14 Jahren.
Hemmnisse in Deutschland und wie sie sich abbauen lassen
Das größte Hemmnis ist kein technisches, sondern ein regulatorisches. In Deutschland gelten für Direktlieferung von Strom zwischen Nachbarn, für Mieterstrom oder für lokale Energiegemeinschaften Regelungen, die Netzentgelte, Abgaben und bürokratische Anforderungen aufschichten. Ein Haus, das seinen Solarstrom an die Wohnung im Obergeschoss liefert, zahlt unter bestimmten Bedingungen anteilige Netzentgelte, obwohl der Strom das Netz gar nicht nutzt.
Die EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) verpflichtet Deutschland, bis 2025 Rahmenbedingungen für sogenannte Energiegemeinschaften zu schaffen, in denen Bürger gemeinsam erzeugen, speichern und verbrauchen können. Einige Bundesländer experimentieren bereits mit Pilotprojekten. Bayern hat 2023 ein Förderprogramm für lokale Energiegemeinschaften aufgelegt, das bis zu 200.000 Euro pro Projekt bereitstellt.
Drei Schlussfolgerungen für die Praxis
Was bleibt, wenn man das El-Hierro-Modell auf seinen übertragbaren Kern reduziert? Erstens: Autarkie ist kein Selbstzweck, aber ein nützliches Planungsziel, weil es zwingt, Erzeugung und Verbrauch lokal zu bilanzieren. Zweitens: Speicherung ist keine optionale Ergänzung, sondern strukturell notwendig, sobald der Anteil fluktuierender Quellen über 40 Prozent steigt. Drittens: Kommunale Koordination schlägt dezentrale Einzellösungen, weil sie Synergien hebt, die im Einzelprojekt unsichtbar bleiben.
El Hierro ist kein romantisches Inselexperiment. Es ist ein technisch und organisatorisch dokumentiertes Referenzmodell, das zeigt, wohin die Reise gehen kann, wenn politischer Wille, kommunale Steuerung und technische Mittel zusammenkommen. Wer in Deutschland auf kommunaler oder privater Ebene Energieentscheidungen trifft, sollte es kennen.












